Buchcover zu "Orbital" von Samantha HarveyAlle 90 Minuten einen Sonnenaufgang erleben – dieses Privileg haben die Protagonist:innen in Samantha Harveys preisgekröntem Roman „Orbital“. In 16 Umlaufbahnen erzählt Harvey einen Tag an Bord einer Internationalen Raumstation, als dichtes Geflecht aus Alltagsszenen, Erinnerungen und Reflexionen. Seltsam zeit-schwerelos fühlt sich das für mich beim Lesen an und zugleich aufgehoben im Rhythmus eines Lebens auf engstem Raum. Hier wird jeder Zentimeter ausgenutzt, jedes Ding hat seinen Platz. Lose Gegenstände werden mit Klettband fixiert, jede Minute ist verplant. Nachdenklich und humorvoll blickt Harvey auf unvermeidliche Technik-Mensch-Schnittstellen, etwa wenn sie beschreibt, wie bei der Reinigung der Lüftungsanlage Gebrauchsgegenstände auftauchen, die in der Schwerelosigkeit verloren gegangen waren. 

Durch erzählerische Momentaufnahmen entstehen intime Porträts der Besatzungsmitglieder. Facettenreich thematisiert Harvey deren Leben in der Schwerelosigkeit, beispielsweise wenn sie ihre anfänglich unbeholfenen Fortbewegungsversuche zeigt, später das kindlich-freudige Purzelbaumschlagen und schließlich die Selbstverständlichkeit dieses Daseinsmodus, als alle beim gemeinsamen Filmabend in der Luft hängend einschlafen. Beim Lesen meine ich, die verlangsamten Bewegungen zu spüren, das sanfte Abstoßen, das Gleiten und Schweben. 

Mehrmals täglich trifft man sich am Panoramafenster. Mit den Astronaut:innen blicke ich von dort auf die Erde. Hier stehen die Kameras, mit denen Wetterphänomene und Umweltzerstörung dokumentiert werden. Was diese Fotos nicht transportieren, ist die Bewunderung, Demut, ja Zärtlichkeit der sechs beim Betrachten der Erde. 

Meine persönlichen Höhepunkte beim Lesen: wenn Harvey davon erzählt, wie die Astronaut:innen diesem nonstop überwachten Dasein Freiräume abtrotzen und ihm ihre eigenen Logiken entgegensetzen – warum als Japanerin die eigene „nationale Toilette“ benutzen, wenn die russische näher liegt?

Hochverdichtet und mit poetischer Präzision schreibt Harvey vom (Innen-)Leben ihrer Protagonist:innen. Schwerelosigkeit wird hier zum ästhetischen Prinzip. Mich lesend entlang dieser Umlaufbahnen bewegen zu lassen, hat noch lange nachgewirkt.

Samantha Harvey: Orbital. dtv, München 2024; dt. „Umlaufbahnen“, übersetzt von Julia Wolf


Zitat aus "Orbital" von Samantha Harvey: "After a week or so of city awe, the senses begin to broaden and deepen and it’s the daytime earth they come to love. It’s the humanless simplicity of land and sea. The way the planet seems to breathe, an animal unto itself. It’s the planet’s indifferent turning in indifferent space and the perfection of the sphere which transcends all language."Ein Beitrag von Judith Kestler: Sie hat Kulturanthropologie/Volkskunde, Musikwissenschaft und Neuere deutsche Literaturgeschichte in Würzburg und Wien studiert und in Hamburg promoviert. Nach einer Ausbildung zur Schreibtrainerin am writers‘ studio Wien ist sie davon überzeugt, dass Schreibworkshops die Welt ein kleines bisschen besser machen können. In ihren Workshops lädt sie mit spielerischen Methoden und stärkenorientierter Haltung dazu ein, dem eigenen Schreiben Raum zu geben. Ab Herbst 2026 hostet sie gemeinsam mit Talia Klenk den Writing Breakfast Club – ein Ort für alle, die gerne in Gesellschaft schreiben: www.wotextewachsen.de

WordPress Cookie Hinweis von Real Cookie Banner