Ein Beitrag von Rahel Behnisch
Barbara Kingsolver erzählt mit „Demon Copperhead“ auf etwa achthundert Seiten die Geschichte eines von Schicksalsschlägen gebeutelten Jungen in den Appalachen der Jahrtausendwende.
Nicht nur der Titel macht deutlich, dass es sich dabei um eine moderne Hommage an Dickens Epos „David Copperfield“ handelt – bereits die Eröffnungsszene greift den Beginn seines Vorgängerromanes auf: Beschrieben wird eingangs seine Geburt – genau wie bei Dickens – aus der dritten Perspektive. Demon wird als Sohn einer drogenabhängigeng Teenagerin auf dem Boden eines Trailers geboren. Entsprechend perspektivlos und schwer ist seine Kindheit und als seine Mutter stirbt, wird es nicht leichter. Er landet im katastrophal strukturierten System der Jugendhilfe und wird von Pflegefamilie zu Pflegefamilie gereicht, wo er zunächst kein wirkliches Zuhause findet und meist in irgendeiner Form ausgenutzt wird.
Drei kleine leuchtende Hoffnungsschimmer gibt es aber in seinem Leben: Demon entdeckt schon sehr früh seine Liebe zum Comiczeichnen, auf der Highschool wird er zum talentierten Footballspieler und hat damit zum ersten Mal die Aussicht auf einen Studienplatz und er verliebt sich zum ersten Mal in ein Mädchen, mit dem er für eine gemeinsame Zukunft kämpfen möchte.
Besonders mochte ich die Nähe zum Protagonisten, die insbesondere über den persönlichen und warmen Ton des Schreibstils aufgebaut wurde. Bemerkenswert ist außerdem, dass Kingsolver nicht nur von einem Einzelschicksal erzählt, sondern immer wieder strukturelle Probleme herausarbeitet und damit scharfe Sozialkritik übt, ohne dabei den jugendlichen Protagonisten aus dem Blick zu verlieren oder belehrend zu wirken. Somit macht sie unter anderem geschickt auf die systematische Unterdrückung der Arbeiterklasse in ländlichen Regionen, auf die Drogenproblematik der Neunziger und Zweitausender in den USA und die Ausbeutung durch Pflegefamilien im Jugendschutzsystem aufmerksam. Alles in allem also eine gelungene Übertragung der Erfahrungen des jungen David Copperfield auf die Krisen und Themen der Gegenwart.