Ein Beitrag von Pia Becke
Ein Mädchen mit Prokura von Christa Anita Bück ist der erste Band der seit 2023 erschienenen „rororo Entdeckungen“, herausgegeben von Nicole Seifert und Magda Birkmann. Das Ziel der Reihe ist es, in Vergessenheit geratene Autorinnen und deren Romane aus dem zwanzigsten Jahrhundert wiederzuentdecken und einem neuen Publikum zugänglich zu machen.
Thea Iken, Protagonistin des Romans, ist zur Zeit der Weltwirtschaftskrise 1931 Prokuristin der Privatbank Brüggemann Sohn in Berlin. Dass dieser ranghohe Posten von einer Frau besetzt ist, ist zu dieser Zeit kaum vorstellbar und so übt Thea ihre Tätigkeit stets unter den neidvollen und misstrauischen Augen ihrer (hauptsächlich männlichen) Kollegen aus. Dieser Zustand spitzt sich dadurch zu, dass über Thea kaum etwas bekannt ist – außer, dass sie ein enges Verhältnis zum Bankdirektor pflegt. Zusätzlich wachsen mit der aufziehenden Wirtschaftskrise die Existenzängste der Angestellten. Brück schildert deren Sorgen und Nöte und setzt aus den Einzelschicksalen ein Mosaik zusammen, das vermutlich das Leben vieler Angestellten zu dieser Zeit repräsentiert. Gerade als sich die Lage durch die drohende Rezession weiter zuspitzt, geschieht ein Mord und Thea wird als Hauptverdächtige verhaftet. Thea ist unschuldig, doch sie hat etwas zu verbergen und ist sogar bereit, dafür ins Gefängnis zu gehen.
Brück schildert die Situation einer weiblichen Angestellten, gerade in einer eher unüblichen Position: „Der Weg der tüchtigen Frau ist immer der gleiche: Er führt über Feindschaft, Befremden, Misstrauen und Neid zu tragischer Isoliertheit.“ (231) Ebendiese Isoliertheit wird Thea beinahe zum Verhängnis. Gespannt verfolgt man die Handlung und sieht das Unausweichliche von Weitem kommen, denn Theas Geschichte ist in dieser Art leider nicht neu.
Ich fand es toll, einen Roman kennenzulernen, auf den ich ohne die „rororo Entdeckungen“ vermutlich nie gestoßen wäre. Absolute Leseempfehlung!