Buchcover von: HERKUNFT von Saša Stanišić

Ein Beitrag von Lilian Bestle

Manche Bücher bleiben. Nicht nur im Regal stehen, sondern auch irgendwo in einem drinnen, zwischen Kopf und Herz, eine diffuse Erinnerung an Wortkompositionen oder erbaute Bilder gemeinsamer Vorstellungskraft. So ein Buch ist für mich auch „Herkunft“.

Vor Jahren gelesen, irgendwann als Jugendliche, ins Bücheregal gestellt und doch hat es sich so präsent in mir verwurzelt, dass ich es nun noch einmal lesen, noch einmal erleben wollte.
In seinem autobiographischen Roman erzählt Saša Stanišić vom Krieg, obwohl er kaum über Krieg schreibt. Von Flucht, vom (nicht) Ankommen. Von seiner Großmutter, die mit
Nierenbohnen die Zukunft voraussagt und besonders von der, die sich selbst langsam verliert. Gemeinsam mit den schwindenden Erinnerungen der Großmutter schreibt er über seine eigene Suche nach diesem wirren, großen, undefinierbaren Etwas: der eigenen Herkunft.
Warum ist die wichtig? Ist sie das?

Ist sie das abgeschiedene Dorf, in dem die Geschichte der Großeltern begann, dort „die
verstreuten Häuser aus Kalkstein und Buche, dem Hausberg und dem Wald aus dem Bauch geschnitten“? Ist sie das plötzlich zerbrechende Selbstverständnis Jugoslave zu sein? Oder doch die deutsche Stadt, in der er erwachsen wurde, zwischen Heidelberger Schloss und abgerockter Aral-Tankstelle?
Stanišić schreibt über Sprache, über die Schlange im Schuppen, die poskok heißt. Über die Verwandten, in deren Geschichten immer wieder Drachen auftauchen. Über die Eltern, die er in Deutschland nicht mehr tanzen sieht und die Relevanz von Autokennzeichen, wenn es darum geht, ob ein Verkehrspolizist bereit ist, ein angebotenes Käsesandwich anzunehmen.
Er stellt viele Fragen und die meisten bleiben. Und irgendwie ist gerade das besonders schön.

Denn am Ende ist da vor allem ein schwammiges Mehr in mir nach dem lesen und ich bin sehr froh, den Roman zurück ins Bücherregal stellen zu können, fürs nächste Mal.

„Jedes Zuhause ist ein Zufälliges. Dort wirst du geboren, hierhin vertrieben. Glück hat, wer den Zufall beeinflussen kann.“ aus: „Herkunft“ von Saša StanišićEin Beitrag von Lilian Bestle: Lilian Bestle befindet sich in der letzten Phase ihres Master-Studiums der Sozialwissenschaftlichen Nachhaltigkeitsforschung und war im Laufe der Jahre immer wieder ehrenamtlich in Würzburger Projekten und Gruppen rund ums Schreiben aktiv. Hin und wieder schreibt sie auch selbst und demnächst geht es mit dem Rucksack genau in die Gegend, in die „Herkunft“ immer wieder zurückfindet.

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