Anfang des vergangenen Jahrhunderts verfasst, ist Okakura Kakuzōs schmaler Essay über die japanische Teezeremonie mehr als eine Anleitung zum richtigen Teetrinken und trotz der leicht antiquierten Sprache auch heute noch aktuell.
Er ist eine Einladung, das Leben selbst zu entschleunigen – über die Ästhetik der Unvollkommenheit, das Verständnis von Achtsamkeit im Zen-Buddhismus und Taoismus und eine Haltung, die im Kleinen das Große erkennt.
Warum sich die Lektüre auch jetzt lohnt? In einer Zeit, in der politische Entscheidungen und gesellschaftliche Umbrüche vor allem für junge Menschen ständig neue Weichen für private Lebensentwürfe stellen und in der ohnehin alles schneller, lauter und unübersichtlicher zu werden scheint, wirkt Okakuras Plädoyer für bewusste Langsamkeit fast wie ein literarisches Gegenmittel.
Er fordert nicht zur Flucht aus der Realität auf, sondern zu einer anderen Art, ihr zu begegnen: aufmerksam, geduldig und mit einem offenen Auge für das Wesentliche. Wer sich nach einem Moment der Ruhe sehnt und auf das Schöne in dieser Welt besinnen möchte, ohne dabei den Bezug zur Gegenwart zu verlieren, findet diesen Ort vielleicht für einen Augenblick in Okakuras Text. Und wer etwas über die Kunst der japanischen Teezeremonie 茶道 und allem, was kulturell und spirituell damit verbunden ist, lernen möchte, wird gegenfalls auch fündig.
Wer mich persönlich kennt, weiß, dass Entspannung nicht zu meinen Stärken gehört und dennoch schafft es Okakuras Essay immer wieder, mich zu erden. Deshalb ist es eines der Bücher, die mich ein Leben lang begleiten werden.

