Seit einigen Jahren lässt sich in meinem WhatsApp Status das Gedicht „Wer es könnte“ von Hilde Domin lesen. Das ist kurz, selbst fast nur ein Windhauch. Aber dennoch so existenziell, dass es dort noch eine Weile stehen wird.
Aber zurück auf Anfang: Abi 2016. Deutsch. Hilde Domins „Fremder“. Bis heute lässt mich ihre Sprache nicht los. Häufig hat mich ihre Lyrik seitdem aufgefangen, zum Nachdenken gebracht, in neuen Bildern weiterdenken lassen. Träumend schwer und zart zugleich wiegen Emotionen durch Domins Worte, die für mich manchmal erst Jahre später greifbar werden.
Werden wir konkret: Das Gedicht „Wer es könnte“ ist so ein Gedankenanker. Wenige Worte, viel Bewegung und eine erstaunliche Weite – mit einem Wunsch nach Neuanfang? Vielleicht! Tanzgleich, luftig, tief. Aber – wer könnte es? Noch ist nichts passiert. Oder doch?
Dieses Bild bewegt mich, bringt mich zum Nachdenken. Es fängt mich auf. Wenn unbremsbare Gedankenkarussells drehen. Wenn Leben viel ist. Wenn ich mich ausgeliefert fühle. Vielleicht, weil das Gedicht so schlicht ist. Vielleicht, weil es so radikal ist. Oder weil es etwas ausspricht, das wir alle kennen: den Moment, in dem man spürt, dass etwas anders werden muss – in einem selbst oder um einen herum. Ein (poetischer) Aufbruch, der nicht zerstört, sondern Luft schafft. Atmen lässt. Heute wichtiger denn je: Dieses Verständnis von Mut und der Hoffnung auf die Möglichkeit, frische Luft reinzubringen. In das eigene Leben. In unsere Gesellschaft.
Für mich persönlich ist dieses Gedicht ein Kompass geworden. Es erinnert mich daran, dass Veränderung nicht immer laut sein muss. Manchmal reicht ein innerer Ruck, ein gedankliches Hochwerfen, um wieder klarer zu sehen. Domins Worte sind wie ein kurzer Windstoß, der die Perspektive verschiebt, zurechtrückt, neu platziert.
Stöbern in ihrem Œuvre lohnt sich! Domins Worte und Freiräume, ihre Gedichte, lassen Raum für unterschiedliche Deutungen und eigene Aufbrüche. Sie sind Trost und Mutmacher zugleich.
Domin, Hilde. „Sämtliche Gedichte“. Herausgegeben von Nikola Herweg und Melanie Reinhold, 7. Auflage, S. Fischer Verlag, 2016. (Das Gedicht „Wer es könnte“ steht hier auf Seite 127, ist aber auch im kleineren Gedichtband „Hier“ (Fischer Verlag, 2014) auf Seite 33 einsehbar).


