Foto von Buch „Wildniß. Gedichte“ von Daniela DanzEin Beitrag von Tobias Jennewein

Nahbar sind die Gedichte, die Daniela Danz in dem 2020 beim Wallstein-Verlag erschienenen Band „Wildniß“ vorgelegt hat, klar, zugänglich, aber auch unbestechlich in ihrem nichts beschönigenden Blick auf die Natur: „KOMM WILDNIS IN UNSERE HÄUSER /“, schreibt Danz, „zerbrich die Fenster komm / mit deinen Wurzeln und Würmern / überwuchere unsere Wünsche / Mülltrennungssysteme Prothesen / und Zahlungsverpflichtungen / wirf dein raschelndes Laub auf uns […]“ Schnell wird klar, die Natur, um die es hier geht, frisst uns nicht nur die Blumen aus dem Vorgarten und die Haare vom Kopf: Sie wird, früher oder später, unsere Kultur vertilgen.

Während man heute – im Zeitalter des Anthropozäns, da der Einfluss des Menschen nicht mehr wegzudenken ist aus biologischen und geochemischen Prozessen – mehr und mehr dazu neigt, die Verschränkung von Natur und Kultur, ihr „entanglement“ hervorzuheben, führt uns Danz dagegen an den Ort, an dem die beiden Pole auseinanderfallen: Denn sie zeigt uns die Menschen des Anthropozäns. Die sind nämlich weder in der Natur noch in der Kultur wirklich zu Hause, falls ihre wahre Heimat nicht der Abgrund ist, der sich zwischen beiden auftut: „auftun / wie Löcher / in der Erde plötzliche Erdrutsche sich auftun und / ein Auto stürzt hinein ein halbes Haus eine ganze / Familie wie kann da wo vorhin Streit war nichts sein […]“, heißt es in dem Gedicht „NACHTERSTEDTER KASKADE“. Darin erinnert Danz auch an den schwankenden Grund, auf dem unsere Gesellschaft steht.

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Überhaupt wird sie in ihrer feinsinnigen Lyrik nicht müde, die Bruchstellen abzutasten, die mitten durch unser Leben verlaufen. Manchmal führt sie dabei ein untergründiges Gespräch mit ihrem poetischen Wegbegleiter Hölderlin: Denn dessen wildes Denken – und „Wildniß“, der Titel des Bandes, ist ein Wort von Hölderlin – hat bis heute nichts an Radikalität verloren. Wer Daniela Danz bei ihren bildstarken Naturerkundungen begleiten möchte, mache sich schnellstmöglich auf den Weg.


Daniela Danz: Wildniß. Gedichte, Wallstein 2020, 86 Seiten.

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