"Zeit ist eine Mutter" von Ocean Vuong

Ein Beitrag von Anna Katharina Breitling

Ocean Vuongs Lyrikband „Zeit ist eine Mutter“ erinnert in vielen Aspekten an seinen autobiografischen
Roman „Auf Erden sind wir kurz grandios“, der ihm 2019 internationale Bekanntheit verschaffte. Auch in
den 28 Gedichten und Texten auf etwa 105 Seiten werden Einsamkeit und Außenseitertum, queere
Identität in einer heteronormativen Welt, die Erfahrungen seiner Migrationsgeschichte und die Identität
eines in Vietnam geborenen und in Amerika aufgewachsenen Jungen thematisiert. Die Eindrücke werden
oft in Naturbildern erzählt, die mit verletzlichen, zarten Elementen arbeiten und gleichzeitig schnell in
radikale, offensive Motive umschlagen können. Was mich als Leserin besonders fasziniert, ist die
Aufladung von Alltagsmomenten mit Fantastik und die Verwandlung der Sätze, die teilweise
umgangssprachlich gestaltet sind und sich dann in große innere Bilder verwandeln. So ist die Kindheit
„auch nur ein käfig der sich ausdehnt“, einzelne Zeilen später berichtet er von ehrlichem Sonnenlicht, das
in ein Klinik Fenster scheint, „…wo ein mädchen auf methadon allein nach einem beigen schmetterling
schlägt…“. Obwohl sich der Lyrikband thematisch am Verlust der Mutter des Autors orientiert, sind die
Bilder in den Gedichten vielfältig und die Hommage an die Mutter durch die vielen Blicke dadurch umso
vielschichtiger. Beispielsweise berichtet das lyrische Ich im Text „Nichts“ vom Schneeschüppen oder vom
Anblick eines Stieres im dunklen Garten („der Stier“). Was durch jedes der Gedichte durchscheint, sind
schmerzhafte Erinnerungen, eine Nostalgie, die wehtut, und eine innere Haltung, die sich allem Anschein
nach zum Schluss dazu entscheidet, Abschied zu nehmen: „Ich legte es mir aufs Gesicht & hielt ganz still
– wie meine Mutter am Ende. Da kam es zu mir, mein Leben. & ich erinnerte mich daran, wie noch im
Schwung sich der Stiel einer Axt an den Baum erinnert. & ich war frei.“

Zitat aus Ocean Vuongs "Zeit ist eine Mutter": „Ich legte es mir aufs Gesicht & hielt ganz still
– wie meine Mutter am Ende. Da kam es zu mir, mein Leben. & ich erinnerte mich daran, wie noch im
Schwung sich der Stiel einer Axt an den Baum erinnert. & ich war frei.“Ein Beitrag von Anna Katharina Breitling: Anna Katharina Breitling, 2002 in Düsseldorf geboren, studierte Politikwissenschaft und Soziologie in Würzburg und geht mittlerweile ihrem Ziel nach, politische Journalistin zu werden. Neben ihrem Studium liegen ihre Interessen bei der Literatur, der Malerei und dem Theaterschauspiel, weshalb sie ihre Freizeit mit lesen, schreiben (unter anderem veröffentlicht in „Literarische Blätter“ oder „Pigeon Publishing“) und schauspielern (Theater Ensemble Würzburg) verbringt.

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